Herborn/Betzdorf, 04.02.2026

Sozialstaat stärken, Schutzrechte erhalten, Wirtschaft entlasten

06.02.2026 | Wer Zukunft und Zusammenhalt möchte, muss alle einbinden und beteiligen. Abschaffung des 8-Stunden-Tags ist nicht die Lösung; Angriffe auf den Sozialstaat sind Angriffe auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt; Politik muss wirtschaftliche Rahmenbedingungen weiter verbessern

Herborn/Betzdorf- Die Beschäftigten stehen unter Druck, die Wirtschaft wartet weiter auf spürbare Entlastungen und die Koalition lässt keine Gelegenheit aus, die Menschen als faul und arbeitsunwillig zu bezeichnen. Kürzungen bei Rente und Sozialem oder längere Arbeitszeiten sollen die Probleme lösen. Aus Sicht der IG Metall vor Ort ist das die falsche Richtung. Es braucht Lösungen, die tragfähig sind, wo jede und jeder in diesem Land einen fairen Beitrag leistet. Für eine solidarische Gesellschaft brauchen wir eine Stärkung des Sozialstaates, sichere und faire Arbeitsbedingungen, gute Aus- und Weiterbildung und eine gerechte Steuerpolitik. Die Menschen müssen in die Entscheidungen eingebunden werden, die sie betreffen. Sowohl im Betrieb als auch in der Gesellschaft.

Dazu Oliver Scheld, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Herborn-Betzdorf:

Um wessen Vorteil geht es, wenn der Kanzler und Minister/innen mehr Arbeit fordern und ansonsten den wirtschaftlichen Niedergang beschwören? Sicher nicht um das Wohl der Beschäftigten. In den Betrieben sehen wir schon jetzt die gesundheitlichen Folgen von steigenden Überstunden und Arbeitsverdichtung. Aus unternehmerischer Sicht geht es um mehr Gewinn auf dem Rücken von weniger Personal.
Es ist auch mit dem bestehenden Arbeitszeitgesetz möglich, flexible Arbeitszeiten umzusetzen. In tarifgebundenen Betrieben sind Vertrauensarbeitszeit, Gleitzeit, flexible Modelle längst Alltag. Diese Modelle wurden dann aber gemeinsam mit den Betriebsräten und Gewerkschaften erarbeitet und berücksichtigen die Interessen der Beschäftigten. Doch unsere Arbeitswelt besteht nicht nur aus Büroangestellten. Sie besteht aus Produktionsmitarbeitern im Schichtbetrieb, Dienstleistern und Handwerkern mit flexiblen Arbeitszeiten 24/7, aus Paketdienstfahrern in Leiharbeit beim Sub-Unternehmen. Sie besteht aus Kellnern und Köchinnen, die stundenlang auf den Beinen sind, abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Aus Menschen, die Schicht schieben in der Pflege, die auf der Baustelle Zementsäcke schleppen bei Hitze, Regen oder Schnee, Kolleg*innen, die Busse und Bahnen fahren, damit alle sicher ans Ziel kommen. Alles Menschen mit wenig Einfluss auf ihre Arbeitszeitgestaltung, die dringend Grenzen ihrer Arbeitszeit brauchen, um gesund zu bleiben. Diese Grenzen können mit Tarifverträgen passgenau auf die jeweilige Branche angepasst werden und hier braucht es Mitbestimmung und nicht Angriffe der Politik und Arbeitgebern und deren Verbände auf Menschen und deren Schutz- und Gestaltungsrechte!“

Wer länger arbeitet, ist nicht zwingend produktiver. Ab 8 Stunden nimmt die Produktivität ab bei steigenden Fehlerzahlen und gesundheitlichen Problemen. Die skandinavischen Länder mit kürzeren Arbeitszeiten haben nachweislich oft eine höhere Produktivität. Die Deutschen arbeiten außerdem nicht zu wenig, sondern schieben pro Jahr einen Berg von 1,2 Milliarden Überstunden vor sich her, die Hälfte davon unbezahlt. „Wenn der große Wurf der Arbeitgeber und der Union zur Wirtschaftsförderung also mehr Überstunden und die Abschaffung des 8-Stunden-Tags sein sollen, dann können sie mit einem ganz sicher rechnen: Zoff mit den Beschäftigten, den Menschen und Gewerkschaften“, warnt Scheld.

„Wir erleben eine Diskussion, die den Sozialstaat selbst zum Problem erklärt – und nicht seine unzureichende Ausstattung, seine zersplitterten Zuständigkeiten oder seine überlasteten Strukturen. Die Beschäftigten sind nicht schuld an der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Rentenkürzungen, längere Arbeitstage oder zusätzlicher Druck auf Arbeitslose werden keinen einzigen zusätzlichen Auftrag für Unternehmen schaffen. Die Androhung von Kürzungen führt nur zu Verunsicherung, dabei muss ein Sozialstaat gerade in Krisen Sicherheit bieten”, so Oliver Scheld weiter.

„Die Gewerkschaften fordern seit langem einen Sozialstaat aus einer Hand, digitale Lösungen, eine gerechte Steuerpolitik und ein Solidarsystem, in das alle einzahlen. Beamte, Beschäftigte, Politiker, Selbstständige, einfach alle. Der Sozialstaat ist finanzierbar, wie die Nachbarländer Österreich oder die Niederlande beispielhaft zeigen.“, so Yüksel Öztürk, 2. Ehrenamtlicher Bevollmächtigter der IG Metall Herborn-Betzdorf.

„Als Gewerkschaft unterstützen wir die Forderungen nach Entlastung und klaren politischen Rahmenbedingen“, so Scheld. „Allerdings gehört zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Angelegenheiten im Betrieb und Gesellschaft auch, dass Arbeitgeber und Verbände insbesondere in Krisenzeiten bei Veränderungsprozessen ihre Beschäftigten beteiligen, die gewählten Arbeitsnehmervertretungen im Betrieb einbinden in wichtige Entscheidungen und so gemeinsam betriebliche Rahmenbedingungen für sichere und faire Arbeitsbedingungen in der Zukunft schaffen. Der Garant für gute und zukunftsfähige Unternehmen sind gut ausgebildete Fachkräfte, betriebliche Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft sowie Tarifverträge die Arbeits- und Entgeltbedingungen regeln.“

 

 

Kontakt:                                                            

Oliver Scheld                                                                                                  

1.Bevollmächtigter                                                                                      

IG Metall Herborn-Betzdorf                                                                     

Walther-Rathenau-Str. 55 | 35745 Herborn                                       

oliver.schelddon't want spam(at)igmetall.de                                                                         

Mobil: 0151-68847026   

Von: lb

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